Samstag, 21. Juni 2014

Göttergruppen - Leto, Apollon und Artemis

Diesen Artikel schreibe ich komplett aus dem Bauch heraus und aus der Erinnerung, daher wird er sicher irgendwann überarbeitet. Aber der Blog wurde schon zu lange nicht mehr von mir bedient und gleichzeitig habe ich leider zu wenig Zeit um richtig meine Bücher und webseiten zu stöbern.
Aber nun, nach ein zwei persönlichen Fragen und anderen Vorkommnissen möchte ich auf etwas eingehen, was so manchen Mythenforscher, laienmäßig wie wissenschaftlich, oft veranlasst hinter dem Pantheon eine vom Menschen projizierte Ordnung zu vermuten, der Götter und Göttergruppen zueinander in Beziehung setzt, die Sinn ergeben.
In einem polytheistischen Weltbild gibt es eine ganz wesentliche Eigenschaft: unterschiedliche Kräfte die sich gegenseitig ergänzen, ausgleichen oder ausschließen stehen in einem entsprechenden verwandtschaftlichen Verhältnis zueinander. Die Art der Beziehung seh ich durchaus als menschengemacht, das Kräfte zusammen oder getrennt gehören jedoch als Erkenntnis der Wirklichkeit. Und ob diese eine geistige, emotionale oder von Naturkräften durchzogene Wirklichkeit ist, lass ich mal dahin gestellt.

Meistens stellen sich ergänzende und ausgleichende Kräfte in Götterpaaren vor. Zeus der die Gewalt und Macht des Herrschers inne hat, kann nur Hera als Gemahlin haben da sie das Königstum verkörpert und außerdem Herrscherin über die Macht der Eifersucht und Rivalität ist. Damit hält sie ihn auf dem Thron. Zeus der über so viel Gewalt verfügt kann sich davon hinreißen lassen wie es sein Vater tat, was diesen jedoch vom Thron stieß. Daher muß er die Weisheit auch besitzen, seine Macht bewußt einzusetzen, was widerum die Metis für ihn tut, die er - mythologisch gesehen - verschlang.
Ich könnte so fortfahren, möchte aber jetzt auf eine spannende Göttergruppe kommen, die wohl jeder kennt, wobei ein Mitglied gern allzuoft vergessen geht.
Es geht um Leto, Apollon und Artemis.
Leto ist eine der wenigen Göttinnen (im Gegensatz zu Sterblichen), die von Hera gepeinigt wurde weil sie von Zeus schwanger ging. Es gibt auch eine andere Abstammungsgeschichte des göttlichen Zwillingspaares, was auch den ursprünglichen Ort ihrer Verehrung betrifft, aber für ihre Bedeutung ist das zum Glück nicht von belang. Wichtig bei dieser Geschichte ist, das Hera jedem festen Boden verbat Leto bei der Niederkunft Obdach zu gewähren, und nur die karge und nicht feste, schwimmende Insel Delos half ihr dabei.
Artemis wurde zuvor auf einem Eiland kurz vor Delos geboren, diese half dann bei der Geburt ihres Bruders auf Delos selbst, was sie zu einer Geburtshelferin machte. Ähnlich wie der Eileithya, einer Tochter der Hera, die aber nicht helfen durfte.
Die Geburt des Apollon wird als Erscheinen von strahlendem Licht zum Verzücken aller anwesenden Göttinnen beschrieben. Apollon selbst macht sich gleich selbst zum Gott der Weissagung der Zeus Wille verkünden will.
Noch ein Baby zieht er mit seiner Mutter Leto gen Delphi, da die dort herrschende Gottheit, der "Drache" Python ein Feind seiner Mutter ist und diesen vernichtet. Damit übernimmt er die Orakelstätte und muß aber zuerst Wiedergutmachung üben um sich dabei von dem Miasma des Mordes reinzuwaschen.
Apollon zeigt früh seine Wesensart die durchaus als schrecklich beschrieben werden kann. Er ist einerseits der helle Gott der Künste, göttlicher Sänger und Prophet und führt die Musen an, die den Menschen so viel helfen mit ihrer Inspiration. Er ist Initiator vieler Geheim-, Weisheits- und Wissenslehren. Seine berühmtesten Söhne sind Asklepios und Orpheus. Der eine wahrlich der Begründer der medizinischen Hilfe, der andere selbst mythischer Sänger und Gründer vieler Weisheitslehren.
Andererseits ist Apollon der Zerstörer. Seine Pfeile verursachen Seuchen und Epidemien und er selbst ist gnadenlos wenn er herausgefordert wird. Gleichzeitig gilt er aber als göttlicher Schutzpatron der heranwachsenden Jungen und Beschützer der Herden, denn er hat auch Züge eines Herdengottes, und u.a. als Apollon Lykaios hält er gefährliche Wildtiere fern.

Er teilt viele Eigenschaften mit Artemis, seiner Schwester. So heißt es, das bei Krieg, Seuchen und Krankheiten seine Pfeile die Männer in den Tod stürzen und ihre die Frauen.
Artemis selbst gilt ebenso als Beschützerin der jungen Frauen und Mädchen, und von jungen Tieren. Sie ist jedoch in der Wildnis daheim, anders als ihr Bruder. Ihr Herrschaftsbereich ist der Wald und leicht kann es geschehen ihren Zorn herauf zu beschwören, wenn man in der falschen Gegend (ihr heilig) oder das falsche Wild erlegt. Artemis hat ein großes Gefolge von Nymphen und jungen Mädchen, die wie es vereinzelt hieß, Unsterblichkeit neben ihr genießen, so lange sie sich nicht zu einem Mann legen (was früher oder später passiert).
Daher gehört sie auch zur Jagd, und die Jagd war einst, man glaubt es kaum, einst nachts oder höchstens in der dunklen Dämmerung daheim weil nur dann das Wild gut zu finden war. Und so begann auch die Assoziation mit dem Vollmond, bei dem sich am besten jagen ließ.

Im hellenistischen und v.a. archaischen Weltbild, sind Mond und Sonne jedoch eigene Gottheiten. Das Apollon jeodch Assoziation mit der Sonne erfährt, wie Artemis mit dem Mond ist jedoch kein Zufall. In der ursprünglichen mythologischen Heimat waren sie vielleicht beide auch Götter dieser Himmelskörper.
Apollon strahlt Licht aus, das selbst viele Götter vor Schreck aufspringen ließ, als er auf dem Olymp ankam. Seine Musik jedoch brachte alle jene in Verzückung und sie tanzten spontan zu seiner Musik.
Apollon besitzt eine Klarheit, die andere Wesen in Schrecken versetzen kann. So versteh ich auch seine oft vergeblichen Versuche seinen Geliebten nahe zu kommen. "Er ist ein Gott der Distanz" heißt es in einer Dokumentation über ihn, die ich mir ansah und er ist es, nicht weil er sich das wünscht, sondern weil er anderen zu schrecklich scheint. All seine sonstige Schönheit nutzt da nichts. Er wird v.a. von der Ferne verehrt.
In Apollon zeigen sich viele griechische Ideale: die Schönheit männlicher Jugend, Musikalität und Gelehrtheit und Treue zum eigenen Wesen. Auch das ist Teil des Apollon, der sein Wesen nicht verbirgt, was viele vor ihm zurück schrecken lässt.
Wahrheit ist nichts angenehmes. Es ist Allgemeinwissen in vielen Weisheitslehren, westlich-esoterische, theologische wie auch die ich kenne, die tibetisch-buddhistischen, das Wahrheit, Klarheit im Geist ect. für das normale Ego schwer zu ertragen ist. Auch in der Therapie, ja in normalen alltäglichen Konflikten geht es fast immer darum, das Wahrheiten nicht akzeptiert werden.
Apollon nun ist mehr als nur der Verkünder von Wahrheiten und göttlichem Willen. Er zeigt das ureigene Schicksal eines jeden auf und dies ist die erste und wichtigste der delphischen Maxime, die auf seinen Kult zurückgehen und Säulen seines Erbes bis heute sind: das man sich selbst erkennt, warum und wofür man da ist und dies zu akzeptieren.

Artemis ist von einer anderen Natur und gleichzeitig dem doch sehr nah. Sie ist die wilde unberührte Natur, die gern als von dem Menschen getrennt wahrgenommen wird. Das war schon im alten Hellas so, denn es galt bei jeder Hochzeit dies zu feiern, das man der Wildnis entronnen ist.
So ist auch sie eine eher ferne Gottheit, aber hier mehr weil sie sich dem Kontakt entzieht und nur dem nahe ist, der wie sie eher in der Wildnis beheimatet ist. Jäger sind ihr nah, natürlich die wilden Tiere (nicht Herden im Gegensatz zu Apollon) und Kinder. Und es ist schon fast wunderschön allegorisch wie bei der Hochzeit Abschied genommen wird mit einem Opfer an sie, das man nun ihren Bereich verlässt. Und gleichzeitig gibt es Mythen, die warnen wenn man sich dem verweigert.

Das kratzt nun nur an der Oberfläche, was das Wesen dieser beiden Gottheiten angeht. Aber man kann nachvollziehen, wie es sicher Orte gab an dem die Verehrung dieser beiden zentral war und u.U. sogar ohne Inklusion weiterer Gottheiten. Das stimmt umso mehr, wenn man ihre Mutter Leto einbezieht.
Es ist nicht viel erhalten was die ursprüngliche Verehrung dieser Gottheit angeht. Es gibt Hinweise auf einen Fruchtbarkeitskult, womöglich als eine Art Mutter Erde oder der Natur, andere bringen sie mit der Nacht in Verbindung. Aber am meisten wurde nur von ihr überliefert, wie ihr Wesen beschrieben wurde. Kerenyi schreibt über sie sie sei warmherzig, und als eine der wenigen auf dem Olymp niemals wütend oder nachtragend, stets gütig.

Sie wirkt dabei wie ein Gegenpol zu ihren beiden Kindern, die zwar beschützend sind, aber dabei häufig zerstörerisch und von rächender Wesensart.
Umso mehr zeigen sie sich gegenüber ihrer Mutter als ebenso beschützend und rächend, denn wo immer sie ein Opfer war oder hätte sein können, treten die Zwillinge auf um die Gefahr zu beseitigen.
Leto selbst zeigt keine solcher Anwandlungen.

In dieser göttlichen Triade zeigen sich dabei zwei wesentliche Elemente.
Auf der einen das gütige Wesen Leto, das Geborgenheit ausstrahlt und Wärme. Selbst aber eher handlungsinaktiv ist.
Auf der anderen die aktiven Elemente Artemis und Apollon, beide jeweils spezialisert auf ihren Bereich, die das gutherzige beschützen, selbst aber eher daran mangeln bzw. bei ihren Aktivitäten oftmals übers Ziel hinaus schießen. Zumindest wirkt das auf viele von uns so, die Abneigungen aufgrund der rachsüchtigen Elemente in beider Mytholgie entwickeln.
Dennoch zeigt sich hier insgesamt eine unbequeme Wahrheit. Im Leben selbst, im Hier und Jetzt kann man nur gut sein, wenn man auch niemals sich wehrt. Wann immer wir uns einmischen sind wir auch in der Notwendigkeit Verfehlungen wieder gut zu machen und uns immer wieder davon reinigen und befreien zu müssen.
Das heißt nicht, das das Ideal der Großherzigkeit ein falsches wäre. Wäre dem so würden Artemis und Apollon nicht so beschützend sein.
Was nur eben nicht geht ist beides gleich stark in einem Wesen. Hier zeigt sich ein grundsätzliches Element der Wirklichkeit was einen schließlich selbst betrifft. Einmal im Wesen dieser Triade festzustellen und dazu passend Apollon der auch als Lehrer dieser Wahrheit auftritt ist es grundlegend herauszufinden wer man ist oder wie man sein will und dann danach zu streben. Aber wir können nicht alle Wege gleichzeitig gehen. Hat man seine grundlegendsten Eigenschaften zur Vollendung gebracht hat man auch seinen ureigenen Platz in der Welt gefunden. Im Spiel der Götter, im Tanz zu Apollons Musik und Gesang zeigt sich dies wie jede Gottheit ihren eigenen Tanz oder Gesang hat, insgesamt sich jedoch ein harmonisches Ganzes gibt.
Wir als Menschen sind, wie es hellenistisch verstanden wird, knapp über dem Tier und wir müssen jeden Tag beweisen das wir Menschen sind indem wir unser Potential nutzen und danach suchen und streben was wir sein könnten ohne dabei auf typische Fehler wie Stolz und Mißgunst herein zu fallen und uns dann wieder daran zu erinnern, das wir "nur" Menschen sind mit dem allen Menschen gemeinsamen üblichen Schicksal.

Abschließend muß ich aber noch erwähnen: Etwas essentielles fehlt. In diesem Zusammenspiel von Kräften gibt es keine Sexualität. Trotz einiger Geliebten, Apollon wirkt nicht sexuell und er ist auch kein Eroberer. Artemis als jungfräuliche Göttin ebenfalls nicht. Ihre Liebe ist oftmals asexueller Natur und Apollon zeigt sich in Mythen auch noch als Aufpasser das dies so bleibt.
Man könnte sagen ihre durch und durch himmlische Natur drückt sich hier aus. Und mit ihrer beider entrückten Natur und der großherzigen Leto nehmen sie im olympischen Pantheon eine Sonderrolle ein, der sonst zu einem großen Teil von der Macht der Aphrodite und Kämpfen untereinander beherrscht wird.
Wie die Insel Delos, wo sie geboren wurden, gehören sie nicht ganz dazu. Ein bißchen sind beide Wanderer und widersprüchlicher Natur. Und im persönlichen Erleben können sie genau solche höchst unterschiedlichen Erlebnisse auch in einem selbst hervor rufen.

Kommentare:

Dini Pantheacraft (Vagmi Satya-Pratyayani) hat gesagt…

Was fuer ein inspirierter und inspirierender Artikel - wow, das hat mir Denkstoff gegeben. Danke :)

Claudia hat gesagt…

ich geb das Kompliment weiter ;-)